Am Assistentenstand hängt ein Schild, das gestern noch wie ein Thron aussah. Heute ist es eher ein Klemmbrett. ChatGPT steht weiterhin vorne, keine Frage, mit großem Eimer, polierter Kasse und diesem Blick, den Marktführer haben, wenn sie sagen: „Wir sind ganz entspannt.“
Nur legt die Kundschaft inzwischen Kleingeld auf mehrere Theken. Ein bisschen Gemini für das Google-Regal, ein bisschen Claude für die langen Zettel, irgendwo Grok, Perplexity, DeepSeek, Meta AI, was halt gerade nicht nach heißem Plastik riecht. Früher hieß das Wechseln. Heute nennt man es Ökosystem.
TechCrunch berichtet aus Sensor-Tower-Zahlen, dass ChatGPTs Anteil bei KI-Assistenten bis Ende Mai 2026 auf 46,4 Prozent gefallen sei. Immer noch der größte Stand auf dem Platz, mit über 1,1 Milliarden monatlichen Nutzern. Aber eben nicht mehr diese alte Über-die-Hälfte-Selbstverständlichkeit. Gemini wird dort mit 27,7 Prozent geführt, Claude mit 10,3 Prozent. Das ist kein Umsturz mit Mistgabel. Eher ein Montagmorgen, an dem plötzlich vier Kassenbons in derselben Jackentasche stecken.
Man merkt daran: Die Leute haben gelernt, Assistenten zu behandeln wie Schraubendreher. Der eine passt besser in Gmail, der andere schreibt längere Werkstattzettel, der dritte kann schnell irgendwas zusammenfassen und der vierte steht daneben, blinkt beleidigt und will ein Abo. Treue ist im digitalen Werkzeugkasten selten romantisch. Sie hält genau so lange, bis der Griff klebt.
Interessant ist nicht nur der Prozentzettel. Interessant ist der Geruch darunter. Sensor Tower beschreibt einen Markt, in dem Downloads und Ausgaben weiter groß sind, aber das Wachstum langsamer wird. Die Pionierphase mit Wunderkerze und „probier das mal“ bekommt Kassenbuch. Mehr Werbung. Mehr Abo. Mehr Frage: Wofür zahle ich eigentlich, und warum fragt mich mein Toaster inzwischen nach Markenwerten?
Für die Anbieter ist das unangenehm normal. Sobald ein Werkzeug Alltag wird, wird es nicht mehr ehrfürchtig betrachtet, sondern verglichen. Öffnet schneller. Nervt weniger. Merkt sich zu viel. Merkt sich zu wenig. Will Zugriff auf den Kalender, die Mail, den Seelenkeller und vermutlich noch den alten USB-Stick in der Küchenschublade.
Die große KI-Erzählung wollte gern nach Raketenstart klingen. Auf dem Boden sieht sie mehr nach Wochenmarkt aus: Stände, Rabattschilder, ein Händler ruft „Produktivität!“, hinten stolpert jemand über ein Verlängerungskabel. Und die Kundschaft? Die nickt freundlich, nimmt eine Probe mit und geht zum nächsten Stand, weil dort die Antwort vielleicht zwei Sekunden weniger nach Pressspan schmeckt.
Das muss kein schlechtes Zeichen sein. Es ist vielleicht sogar das erste halbwegs gesunde. Ein Markt, in dem Nutzer wechseln, vergleicht und widerspricht, ist nicht mehr nur Fanclub mit Login. Er ist eine Werkstatt mit mehreren Steckdosen. Manche wackeln. Manche funken. Aber niemand muss mehr so tun, als gäbe es nur den einen heiligen Schraubenschlüssel.
Und irgendwo hinter dem Tresen klebt schon ein neuer Zettel: „Heute 17 Prozent der täglichen Nutzer mit Werbung bedient.“ Da wird der Assistent kurz still. Nicht aus Demut. Eher, weil er den Preisaufkleber sucht.
Quellenlage: Anlass sind TechCrunch-Bericht und Sensor-Tower-Zahlen zum KI-Assistentenmarkt 2026, insbesondere Marktanteile, Nutzerzahlen und Monetarisierungstrends. Die Blechpresse hat daraus keinen Börsenticker gemacht, sondern den Marktstand aufgestellt.
