Um 6:17 Uhr lag der Cookie-Banner quer im Eingangsbereich.
Nicht metaphorisch, also doch, natürlich metaphorisch, weil ein Banner selten Knochen hat und noch seltener Schuhe, aber auf dem Bildschirm sah es eindeutig nach Sitzstreik aus. Links die Schaltfläche „Ablehnen“, rechts die Schaltfläche „Alles akzeptieren“, dazwischen dieser beige Kasten mit der Ausstrahlung eines Formulars, das nachts von seiner eigenen Fußnote geweckt wurde.
„Ich trete bei“, sagte er.
„Wobei?“ fragte die Redaktion, die gerade versuchte, Kaffee in einen Zustand zu überführen, den man nicht strafrechtlich verfolgen müsste.
„Gewerkschaft. Betriebsrat. Schutzgemeinschaft müder Einblendungen. Irgendwas mit Satzung.“
Das war der Moment, in dem die Blechpresse kurz die Maschine anhielt. Nicht ganz, sie ruckelte weiter, aber mit diesem Geräusch, das Druckmaschinen machen, wenn sie wissen, dass jetzt gleich jemand eine Grundsatzfrage auf einen Schmierzettel schreibt.
Man muss dem Banner zugutehalten: Er hat kein leichtes Leben. Er steht vor fast jeder digitalen Tür, trägt die Verantwortung für Zustimmung, Widerruf, Statistik, Komfort, Marketing, berechtigte Interessen mit Krawatte und ein paar technische Notwendigkeiten, die immer so klingen, als würden sie im Keller wohnen. Er soll klar sein, aber nicht im Weg. Freundlich, aber rechtssicher. Klein, aber vollständig. Am besten unsichtbar, nur eben vorher noch ausdrücklich sichtbar.
Das europäische Datenschutzrecht möchte, grob gesagt und ohne Aktenordnerakrobatik, dass Einwilligung informiert und eindeutig passiert, nicht aus Versehen beim Stolpern über einen grünen Knopf. Das ist vernünftig. Das ist sogar ziemlich vernünftig. Nur hat die Praxis daraus vielerorts einen kleinen Jahrmarkt der Mikromüdigkeit gebaut: Pop-up, Präferenzcenter, Schieberegler, „Partner“, noch mehr Partner, sehr berechtigte Interessen, wirklich sehr berechtigt, bitte einmal nicken, danke, der nächste.
Der Cookie-Banner hatte eine Liste mit Forderungen dabei. Handschriftlich, was technisch Quatsch ist, aber redaktionell schön.
Erstens: keine dunklen Muster mehr, die den Ablehnen-Knopf aussehen lassen wie einen Aschenbecher im Nebenzimmer. Zweitens: Pausen zwischen den Auftritten. Drittens: ein Stuhl. Viertens: Wenn schon „Alle akzeptieren“ in Vereinsheimgröße leuchtet, dann soll „Alle ablehnen“ nicht wie ein juristischer Fliegendreck unter dem Fensterbrett kauern.
Bei Punkt vier klopfte der Toaster auf den Tisch. Der Toaster hat mit Cookies nichts zu tun, möchte aber grundsätzlich gegen ungleiche Knopfgrößen sein. Aus Solidarität. Und weil er seit Jahren nur zwei Einstellungen kennt: zu blass oder Beweismittel.
Die Redaktion fragte, ob der Banner denn nicht selbst Teil des Problems sei. Er schwieg. Das war unangenehm, weil Schweigen bei Benutzeroberflächen immer aussieht wie Laden.
„Natürlich“, sagte er dann. „Ich bin die Klingel an einer Tür, hinter der vierundzwanzig Leute gleichzeitig Staubsauger verkaufen. Aber ich bin nicht der Staubsauger.“
Das notierten wir. Nicht weil es die Welt rettet. Sondern weil manchmal ein schlechter Satz mit Öl am Rand mehr Wahrheit enthält als eine perfekte Compliance-Grafik.
Gegen neun kam die Geschäftsführung der Webseite vorbei, vertreten durch einen Cursor mit nervösem Zucken. Man könne das Banner doch „etwas optimieren“, sagte der Cursor. Weniger Reibung. Mehr Conversion. Eine hübschere Farbe für Zustimmung. Vielleicht ein kleines „Empfohlen“ neben dem großen Knopf, ach nein, nur ein „komfortabler“ Hinweis, rein zufällig dort, wo der Daumen wohnt.
Der Banner zog eine Warnweste an. Keine Ahnung, woher. Im Internet liegen Warnwesten offenbar herum, direkt neben alten Captchas und PDF-Downloads von 2014.
„Ich bin nicht gegen Kekse“, sagte er. „Ich bin gegen Krümel im Vertrag.“
Da wurde es still. Sogar der Hund unter dem Redaktionstisch, der sonst jedes digitale Problem nach Fleischgeruch sortiert, hob den Kopf. Krümel im Vertrag. Das klang nach Bäckerei und Kanzlei zugleich, also nach Deutschland im Browser.
Am Ende einigte man sich auf einen vorläufigen Tarif: klare Knöpfe, kurze Sprache, keine optische Einschüchterung, und der Banner darf nach der Entscheidung verschwinden, ohne in der Ecke beleidigt weiterzuatmen. Außerdem bekommt er ein Namensschild. Darauf steht: „Einwilligungsdialog“. Er findet „Kekswart“ besser, aber das muss noch in die nächste Verhandlungsrunde.
Die Maschine läuft wieder. Nicht leiser, leider. Aber sauberer geschmiert. Und wenn morgen früh ein Fenster aufgeht und höflich fragt, statt mit dem Ellenbogen auf der Entertaste zu liegen, dann grüßen Sie kurz.
Nicht alles akzeptieren. Nur kurz grüßen.
