Das Kontrolllämpchen beantragt Homeoffice

Illustration: Schaltschrank mit gelbem Kontrolllämpchen und einem Antrag auf Homeoffice.

Geschrieben von

unter

, ,

Fiktion, ordentlich angeschraubt. Um 7:03 Uhr lag der Antrag im Eingangsfach, zwischen einer Rechnung für Schmiermittel und einem Zettel, auf dem jemand „nicht vergessen“ notiert hatte, aber nicht, was. Klassiker. Der Antrag war klein, gelblich, an der oberen Ecke leicht angekokelt.

Betreff: Homeoffice für Kontrolllämpchen.

Herdolf las die Zeile laut vor. Niemand lachte. Der Schaltschrank summte nur in dieser Art, die Maschinen benutzen, wenn sie schon vorher wissen, dass der Mensch gleich eine dumme Frage stellt.

„Ein Lämpchen kann nicht von zu Hause arbeiten“, sagte Herdolf.

Aus der dritten Reihe blinkte es einmal. Nicht frech. Schlimmer: sachlich.

Der Antrag war erstaunlich sauber formuliert, was ihn sofort verdächtig machte. Das Kontrolllämpchen führte aus, es habe jahrelang Anwesenheit signalisiert, ohne je gefragt worden zu sein, ob Anwesenheit überhaupt Arbeit sei. Es leuchte, wenn Strom da sei. Es leuchte, wenn niemand hinschaue. Es leuchte auch dann, wenn alle so tun, als sei dieses Leuchten bereits eine Diagnose.

Da wurde es still im Maschinenraum. Also, relativ still. Die Blechpresse macht nie wirklich still. Sie hat nur leisere Sorten von Krach, gewissermaßen Flüstern mit Blechkante.

Das Lämpchen wollte künftig nur noch melden, wenn etwas wirklich zu melden sei. Nicht Dauerlicht. Nicht dieses bürokratische Glimmen, das alle beruhigt und niemanden informiert. Es schlug vor, im Zweifel kurz zu blinken, dann wieder auszugehen und den Rest des Tages „konzentriert dunkel“ zu bleiben.

Herdolf legte den Antrag neben die Kaffeemaschine. Die Kaffeemaschine war sofort dagegen, vermutlich aus Prinzip. Sie hält Dunkelheit für mangelnde Einsatzbereitschaft, seit sie einmal drei Tage entkalkt wurde und danach meinte, sie habe jetzt Führungserfahrung.

Aber der Punkt blieb im Raum. Wie eine Schraube, die man fallen hört und später in keinem Gehäuse mehr findet.

Wie viel in dieser Redaktion leuchtet eigentlich bloß, damit jemand glaubt, es arbeite? Der Kalender. Die Statusanzeige. Der kleine grüne Punkt neben Namen, die seit Stunden nicht mehr anwesend sind, sondern nur noch elektrisch. Sogar der Hund hat manchmal diesen Blick, der sagt: Ich bin hier, also gilt das als Beitrag.

Das ist keine Anklage. Ach doch, ein bisschen. Eine kleine, mit Unterlegscheibe.

Nach der Mittagspause wurde abgestimmt. Der Drucker enthielt sich, weil ihm die Quellenlage zu dünn war. Der Hund stimmte für alles, was weniger Licht im Flur bedeutete. Die Kaffeemaschine verlangte eine Probezeit und nannte sie „Pilotphase“, woraufhin das Wort mit der Zange aus dem Protokoll entfernt wurde.

Seitdem blinkt das Kontrolllämpchen nur noch, wenn wirklich etwas passiert. Kurz. Trocken. Fast beleidigend effizient.

Und jedes Mal, wenn es dunkel bleibt, ist das kein Fehler mehr, sondern eine Nachricht: Nicht alles, was arbeitet, muss dabei aussehen wie ein Weihnachtsbaum im Rechenzentrum.

Herdolf hat darunter einen Zettel geklebt: Anwesenheit ist kein Geräusch. Leuchten auch nicht.

Der Schaltschrank schweigt dazu. Aber sehr überzeugend.