Satirische Kolumne. Die Sachschraube dazu: Der EU AI Act ist laut Europäischer Kommission seit 1. August 2024 in Kraft; die meisten Regeln sollen ab 2. August 2026 gelten, mit früheren Ausnahmen. Der Rest hier trägt Öl am Ärmel.
Im Maschinenraum hing heute Morgen ein Schild am Schalter. Nicht groß. Nicht amtlich genug, um Angst zu machen. Eher dieses Laminierte, das jemand um 22:47 Uhr noch schnell durch den Drucker gejagt hat, während der Drucker schon wusste, dass er wieder die eigentliche Hauptfigur sein wird.
KI-SCHALTER NUR NACH RÜCKSPRACHE.
Darunter, kleiner: Rücksprache mit wem, wird nachgereicht.
Das ist natürlich der Zustand der Gegenwart. Alles ist eingeschaltet, aber bitte nicht so tun, als hätte jemand eingeschaltet. Die Maschine summt, die Akte nickt, der Kaffee bildet eine dünne Haut und im Flur erklärt einer, man müsse das jetzt alles „risikobasiert“ betrachten. Risikobasiert heißt im Büro: Erst wenn Rauch aus dem Gerät kommt, wird ein Formular gesucht. Ach nein, vorher wird noch ein Meeting angesetzt, Thema: Rauch als Chance.
Die Europäische Kommission schreibt vom ersten umfassenden Rechtsrahmen für künstliche Intelligenz. Das klingt sauber, groß, fast wie frisch gewischter Linoleumboden. Hier unten klingt es anders. Hier klingt es wie ein Schalter, der beim Drücken nicht klickt, sondern knarzt, als hätte er eine Meinung zu seiner eigenen Dokumentationspflicht.
Der alte Redaktionshund lag unter dem Tisch und tat, als ginge ihn das nichts an. Hunde können das. Sie können den Weltzustand ignorieren, ohne verantwortungslos zu wirken. Menschen brauchen dafür Präsentationsfolien.
„Transparenz“, sagte der Praktikant, weil er das Wort irgendwo gelesen hatte. Der Setzer fragte, ob Transparenz bedeute, dass die Maschine künftig sagt, warum sie den Satz geglättet hat. Die Maschine schwieg. Dann machte sie aus „Der Minister stolperte in den Tag“ den Satz „Der Minister startete dynamisch in eine herausfordernde Phase“. Da wussten wir: Sie lügt nicht. Sie bügelt. Das ist schlimmer, weil Bügeln immer so vernünftig aussieht.
Man kann Regeln brauchen und trotzdem vor dem Regelordner sitzen wie vor einem sehr gebildeten Mähdrescher. Der AI Act, so steht es in der echten Welt, arbeitet mit Risikostufen. Unannehmbar, hoch, Transparenz, minimal. Das ist ein ordentlicher Werkzeugkasten. Nur fehlt im Werkzeugkasten die kleine verrostete Zange für den Moment, in dem jemand sagt: „Mach mal schnell einen menschlichen Text draus.“
Da fängt nämlich der eigentliche Lärm an. Nicht bei der Science-Fiction. Nicht beim bösen Roboter mit rotem Auge, der seit den Achtzigern arbeitslos ist. Der Lärm beginnt da, wo ein Satz plötzlich keine Delle mehr haben darf. Wo jedes Komma poliert wird, bis es wie Unternehmenskommunikation riecht. Wo der Text freundlich, ausgewogen, hilfreich und tot aus dem Ausgabeschacht fällt.
Die Blechpresse hat deshalb neben den KI-Schalter ein zweites Schild gehängt:
BEIM EINSATZ VON GLÄTTUNGSMITTELN FENSTER ÖFFNEN.
Das ist keine Rechtsberatung. Das ist Hausordnung. Wer Maschinen schreiben lässt, muss Menschen danebenstellen, die schlechte Laune haben dürfen. Die merken, wenn ein Wort zu sauber ist. Die einen Absatz anfassen und sagen: Nee. Der hat keine Schraube locker, der hat überhaupt keine Schraube.
Gegen Mittag kam dann doch jemand von oben. Er sah den roten Schalter, sah das Schild, sah den Hund und fragte, ob wir schon compliant seien. Der Hund hob den Kopf. Der Drucker zog ein Blatt ein. Ich sagte: „Wir sind wachsam.“ Das war nicht ganz die Antwort, die er wollte, aber immerhin eine, die noch nicht aus der Maschine gefallen war.
Dann knarzte der Schalter noch einmal, ohne dass ihn jemand berührt hatte. Sehr leise. Fast höflich. Wir haben es im Protokoll vermerkt. Handschriftlich, wegen der Atmosphäre.
