Fiktion, festgeschraubt an realen Fakten: Die robots.txt ist tatsächlich Teil des Robots Exclusion Protocol, seit RFC 9309 als Standard beschrieben. Sie ist eine Bitte an Crawler, keine Sicherheitstür. Google schreibt ebenfalls, dass robots.txt vor allem Crawling steuert und kein Mechanismus ist, um Seiten sicher aus Google herauszuhalten. Der Rest hier riecht nach Treppenhaus, Toner und Blechpresse.
Heute Morgen hing im Treppenhaus ein Zettel.
Nicht unten am Briefkasten, wo sonst die Paketboten ihre kleinen Schuldgeständnisse ankleben. Höher. Zwischen Sicherungskasten und der Pflanze, die seit März so tut, als wäre sie eine Infrastrukturkomponente. Auf dem Zettel stand: User-agent: *. Darunter: Disallow: /keller/.
Der Hausmeister sagte, das sei jetzt Ordnung. Der Crawler vom dritten Stock habe nachts wieder die Schuhregale indexiert. Außerdem sei jemand in /privat/alte-kartons/ gewesen, vermutlich Bing, wobei man Bing nie beweisen kann, dass Bing da war, Bing guckt dann immer so bürolich.
Ich habe den Zettel angefasst. Papier. Kein Schloss. Kein Riegel. Keine Sirene, nur dieser passive Tonfall, den technische Hinweise annehmen, wenn sie wissen, dass sie recht haben und trotzdem niemanden körperlich aufhalten können.
Die robots.txt ist im Grunde die Hausordnung des Webs: „Bitte nicht saugen, wo frisch gewischt ist.“ Ein höflicher Roboter bleibt stehen, liest, nickt mit dem unsichtbaren Kopf und fährt woanders weiter. Ein unhöflicher Roboter faltet den Zettel zu einem Hut und geht in den Keller. Das ist keine Sicherheitslücke im Zettel. Das ist das Wesen von Zetteln.
Im Maschinenraum der Blechpresse wurde sofort ein Ausschuss gegründet. Einer wollte Disallow: /alles/ eintragen, damit endlich Ruhe ist. Einer wollte Allow: /kaffee/, weil ohne Kaffee keine Zeitung. Der Drucker verlangte eine Sitemap, wahrscheinlich nur, um eine weitere Seite ausspucken zu dürfen.
Ich notierte: robots.txt verhindert nicht, dass etwas existiert. Sie verhindert auch nicht zuverlässig, dass jemand es findet, wenn andere darauf zeigen oder wenn der Bot nicht zur Sorte „hört auf Zettel“ gehört. Wer eine Tür braucht, nimmt eine Tür. Passwort, Rechte, noindex, je nach Problem. Nicht diesen kleinen Aushang mit Maschinenhandschrift und Verwaltungsatem.
Und trotzdem mag ich ihn.
Weil er eine seltene Form digitaler Höflichkeit ist. Keine Cookie-Krake, kein Pop-up mit drei Knöpfen und einem moralischen Zeigefinger. Nur eine Textdatei an der Haustür, die sagt: hier lang, da nicht, bitte die Zeitung nicht zerknittern.
Gegen Mittag kam ein Bot vorbei, blieb exakt vier Sekunden stehen und las den Zettel. Dann fuhr er weiter, sehr langsam, als hätte er kurz verstanden, dass das Internet nicht nur aus Daten besteht, sondern auch aus Bitten, die in Fluren hängen.
Der Keller blieb zu. Jedenfalls für die höflichen.
