Siemens SICAM 8: Der Schutzhelm liegt offen im Schaltschrank

Satirische Blechpresse-Illustration: offener Industrie-Schaltschrank mit Firmware-Kassette, Debug-Schlauch, OPC-UA-Ventilen und Administratorschlüssel zu Siemens SICAM 8.

Im Schaltschrank liegt ein Schutzhelm. Nicht auf dem Kopf, wo er hingehört, sondern seitlich auf der Werkbank, zwischen Firmware-Kassette und einem Schlüssel, der schon viel zu lange nach Administrator riecht.

CISA hat am 16. Juli das Advisory zu Siemens SICAM 8 veröffentlicht. Vier CVEs hängen daran, alle in dieser unangenehmen Ecke zwischen Leittechnik, Weboberfläche, Firmware und der alten Hoffnung, dass Defaults schon irgendwie vernünftig sein werden. Spoiler aus dem Presswerk: manchmal sind sie es nicht.

Vier Schrauben, kein Feuerwerk – aber ein ordentlicher Schaltschrank-Husten

Betroffen sind laut CISA mehrere SICAM-8-Komponenten, unter anderem CPCI85 und SICORE-Basissysteme vor den von Siemens genannten 26.20er Versionen. Das klingt nach Ersatzteilregal. Ist aber eher die Stelle, an der ein Netzbetreiber nicht möchte, dass die Maschine plötzlich Theater spielt.

CVE-2026-54798 beschreibt eine über HTTP erreichbare Debug-Schnittstelle. Ein authentifizierter Angreifer kann damit den Webprozess zum Stolpern bringen. Kein Hollywood-Hacker mit Sonnenbrille, eher jemand mit Ausweis, Zugang und einem Schraubendreher im falschen Menü.

Bei CVE-2026-54799 wird es öliger: Die Signaturprüfung im Firmware-Update-Mechanismus ist laut Advisory die kritische Stelle. Wer dort genügend Hebel bekommt, kann aus einem Update eine fremde Kassette machen. Die Blechpresse nennt das: Prüfsiegel-Zange greift ins Leere, Walze läuft trotzdem.

CVE-2026-54800 ist der Klassiker mit frischem Lack: OPC-UA-Sicherheitsmechanismen sind in der Standardkonfiguration deaktiviert. Das ist ungefähr so, als würde man am Werkstor ein Schloss montieren und den Schlüssel direkt darunter hängen lassen. Hübsch symmetrisch. Schlecht für die Nerven.

CVE-2026-54801 schließlich betrifft administrative Kontoänderungen über die Web-API. CISA spricht von unzureichender Prüfung der Zugangsdaten; Ergebnis kann eine Erhöhung von Rechten sein, wieder für authentifizierte Angreifer. Also kein magischer Fernblitz aus dem Internet-Nebel, sondern ein Problem in der inneren Werkstatt.

Was Betreiber jetzt nicht tun sollten: dramatisch wedeln

Die sinnvolle Antwort ist weniger Sirene, mehr Wartungszettel: betroffene Versionen prüfen, Siemens-Updates einplanen, Steuerungsnetze nicht unnötig ins offene Netz hängen, Segmentierung ernst nehmen, Änderungen vorher sauber bewerten. CISA erinnert genau daran: ICS-Systeme gehören hinter Firewalls, nicht als Ausstellungsstück ans Schaufenster.

Und ja, der Satz ist langweilig. Aber langweilige Schutzmaßnahmen sind im Umspannwerk oft die freundlichste Sorte Fortschritt. Die spektakulären Dinge kommen meistens erst, wenn jemand die langweiligen übersprungen hat.

Die Presswerksnotiz

Die Lehre ist klein und rostig: Eine Schutztechnik ist nicht automatisch geschützt, nur weil sie Schutz im Berufsbild trägt. Debug-Schlauch, Firmware-Kassette, offene Defaults, Kontohebel – das sind keine Nebengeräusche. Das sind die Stellen, an denen der Schaltschrank nachts anfängt, mit dem Schlüsselbund zu klimpern.

Also Helm auf. Nicht danebenlegen.

Quellen