Fiktion/Satire: Kurz nach dem zweiten Kaffee hustete der Feed. Nicht dramatisch. Kein Alarm, kein roter Balken, kein Manager mit zusammengeklappter Stirn. Nur dieses trockene <item>-Geräusch aus dem Maschinenraum, als hätte jemand eine neue Meldung durch ein altes Kupferrohr geschoben.
Die Blechpresse legte ein Ohr an die Leitung. Da war es wieder: Titel, Link, Beschreibung. RSS 2.0 ist laut RSS Advisory Board ein XML-Dialekt zur Syndication von Web-Inhalten; oben sitzt <rss version="2.0">, darunter ein <channel>, darin die kleinen <item>-Pakete. Das klingt nüchtern, beinahe höflich, aber im Betrieb klingt es wie eine Rohrpostanlage, die seit 2009 beleidigt weiterarbeitet, weil niemand ihr offiziell gekündigt hat.
Auch diese Zeitung, ja, ausgerechnet diese ölverschmierte kleine Zeitung, hat so ein Rohr. /feed/ antwortete heute mit HTTP 200 und application/rss+xml. Das ist keine Prophezeiung, sondern nachgesehen. Die Maschine liefert. Sie macht dabei kein Produktvideo, sie verlangt keinen Login, sie sagt nicht „Entdecke personalisierte Insights“. Sie gibt einfach eine Liste neuer Stücke her. Fast unverschämt.
Atom steht nebenan im Regal, RFC 4287, ebenfalls XML, ebenfalls für Web-Syndication gedacht, mit Feeds und Entries und dieser schönen Würde von Standards, die so tun, als würden Menschen ihre Zeit damit verbringen, IRIs nicht mit schmutzigen Fingern anzufassen. Die Redaktion hat genickt. Standards sind wichtig. Standards sind die Zettel am Sicherungskasten, auf denen steht, welche Sicherung vermutlich die Kaffeemaschine ist.
Früher, sagte der Feed, wurde man abonniert. Nicht verfolgt, nicht „engaged“, nicht in ein Trichterdiagramm gekippt. Abonniert. Ein Reader kam vorbei, klopfte an, fragte: Gibt es etwas Neues? Der Feed sagte ja oder nein. Ende der Beziehung. Keine Konfetti-E-Mail. Kein Pop-up mit „Bleib informiert!“ und einem Kreuz, das so klein ist, dass man dafür eine Pinzette aus der Uhrenwerkstatt braucht.
Natürlich war nicht alles golden. Feeds konnten brechen. Zeichenkodierungen konnten aussehen, als habe ein Waschbär über die Tastatur getanzt. Manche Einträge kamen doppelt, manche nie, manche mit HTML im Bauch, das beim Auspacken die Tapete beschädigte. Aber die Grundidee war sauber: Inhalte wandern, ohne dass jede Plattform einen eigenen kleinen Grenzbeamten in den Browser stellt.
Im Redaktionsflur wurde kurz diskutiert, ob RSS „zurückkommt“. Das ist eine dieser Fragen, bei denen die Maschine immer müde wird. RSS muss nicht zurückkommen. Es war nicht weg. Es saß nur hinten, neben dem Ersatzpapier, und hat gewartet, bis jemand wieder eine Sache lesen wollte, weil sie neu ist, nicht weil ein Algorithmus sie mit feuchten Augen vor den Bildschirm schiebt.
Der Hund bellte bei <guid>. Niemand weiß warum. Vielleicht mag er stabile Identifikatoren. Vielleicht auch nicht. Hunde sind im Bereich Spezifikationsauslegung schwierig.
Die Blechpresse fütterte den Feed mit diesem Artikel. Das Rohr nahm ihn an, brummte kurz und tat, was gute Infrastruktur tut: Es verschwand aus der Aufmerksamkeit. Kein Heldentum. Nur ein sauberer kleiner Transport. Manchmal ist das genau die Sorte Zukunft, die nicht glänzt, aber funktioniert.
Im Protokoll steht: Wenn ein Feed hustet, nicht sofort abschalten. Vielleicht sagt er nur, dass noch jemand draußen mit einem Reader sitzt. Still, altmodisch, wunderbar unmessbar.
