Fiktion/Satire: In der Blechpresse-Werkstatt wurde heute Morgen ein Schlüsselbund gefunden, der behauptete, er sei gar kein Schlüsselbund. Er sei „ein kryptografisches Anmeldeerlebnis“, sagte er, und klapperte trotzdem.
Das Ding lag neben der Kaffeemaschine, dort, wo sonst nur Kaffeemehl, alte Zwei-Faktor-Zettel und dieser eine USB-Stick wohnen, auf dem „nicht löschen“ steht, obwohl niemand mehr weiß, was drauf ist. Der Browser kam um 07:13 Uhr herein, trug einen Mantel wie ein Schlüsseldienst und murmelte: „Passwort vergessen? Ach, bitte nicht schon wieder. Wir machen das jetzt mit Passkeys.“
Die Redaktion nickte fachkundig. Also fast. Einer nickte, weil er ohnehin eingeschlafen war. Passkeys, zur Ordnung der Aktenlage, sind keine kleinen gelben Zettel mit „Sommer2024!“ drauf, sondern Anmeldeschlüssel auf Basis öffentlicher Kryptografie. Der private Teil bleibt beim Gerät oder im sicheren Schlüsselbund, der öffentliche Teil darf zum Dienst. Die FIDO Alliance beschreibt Passkeys als passwortlose, phishing-resistente Anmeldung; das BSI erklärt für Verbraucherinnen und Verbraucher ebenfalls, dass dabei ein kryptografisches Verfahren im Hintergrund abläuft. So weit die Realität. Ab hier wieder Werkstattgeräusch.
Der alte Passwortkasten reagierte beleidigt. Er stand seit Jahren im Flur, hatte einen Aufkleber „Bitte Sonderzeichen nicht füttern“ und machte immer dieses müde klonk, wenn jemand aus Versehen sein Geburtsjahr als Sicherheitskonzept einwarf. Nun sollte er also ersetzt werden durch etwas, das keine Zeichen zählen muss. Keine Mindestlänge. Kein Ausrufezeichen am Ende, das so tut, als sei es ein Bodyguard.
„Und wenn das Gerät weg ist?“, fragte der Praktikant, der bei uns nur so heißt, weil er schon seit drei Systemwechseln da ist.
Der Browser zog einen Formularblock aus der Tasche. Wiederherstellung. Synchronisation. Anbieterbindung. Backup. Organisationsrichtlinie. Plötzlich roch die Zukunft kurz nach Hausverwaltung.
Das ist der schöne, knirschende Teil an technischen Verbesserungen: Sie beseitigen ein altes Elend und stellen daneben sofort ein neues Regal auf. Passwörter sind wirklich ein Elend. Sie werden wiederverwendet, erraten, abgefischt, in Listen gegossen, in Panik geändert und dann unter Tastaturen beerdigt. Passkeys nehmen vielen dieser Unfälle den Schraubenzieher aus der Hand. Aber sie bringen Fragen mit, die nicht in der Werbebroschüre wohnen: Wer verwaltet die Schlüssel? Wie kommt ein Mensch nach Handybruch, Anbieterwechsel oder Firmenaustritt wieder hinein? Was erklärt man der Tante, die „Cloud“ für Wetter hält und damit nicht ganz Unrecht hat?
In der Blechpresse wurde deshalb ein kleines Schild aufgehängt: Passwortlos heißt nicht sorglos. Das Schild hängt schief, aber inhaltlich gerade genug.
Der Browser war damit zufrieden. Er legte den Schlüsselbund in eine Schublade, die nur mit Gesicht, Finger oder Gerätekram aufging, und behauptete, das sei jetzt einfacher. Vielleicht stimmt das sogar. Vielleicht ist einfacher nicht das Gegenteil von kompliziert, sondern nur die Stelle, an der die Kompliziertheit endlich nicht mehr jeden Morgen beim Menschen klingelt.
Der Passwortkasten steht übrigens noch im Flur. Er wurde nicht weggeworfen. Man hat ihn zum Mahnmal erklärt, gleich neben dem Faxgerät. Darin liegen jetzt nur noch alte Zettel, ein rostiges Fragezeichen und ein sehr beleidigtes Ausrufezeichen.
