Der Kalender stellt Termine in Quarantäne

Illustration eines Wochenkalenders, der Termine mit roten Kreuzen in Quarantäne stellt.

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Fiktion. Um 9:12 Uhr hustete der Kalender. Nicht metaphorisch, obwohl Kalender natürlich gern metaphorisch husten, wenn sie voll sind. Er hustete richtig, so weit ein digitales Ding richtig husten kann: drei Benachrichtigungen, ein gelbes Dreieck und dann dieses Geräusch, das Browser machen, wenn sie ein schlechtes Gewissen auf Blech nachspielen.

Herdolf schaute auf den Bildschirm. Dort stand: Termin vorsorglich isoliert.

Das betraf die Redaktionssitzung, die ohnehin nur deshalb Redaktionssitzung hieß, weil „alle starren zehn Minuten auf dieselbe Tabelle und sagen später“ zu lang für eine Einladung ist. Der Kalender hatte sie in Quarantäne geschoben. Nicht abgesagt. Nicht verschoben. Quarantäne. Mit kleiner grauer Maske am Icon.

„Warum?“, fragte Herdolf.

Der Kalender antwortete nicht sofort. Kalender antworten nie sofort, sie lassen erst Synchronisierung laufen, diese höfliche Form von Schweigen mit Fortschrittskreis. Dann erschien eine zweite Meldung: Verdacht auf wiederkehrende Nutzlosigkeit.

Da musste die Kaffeemaschine lachen. Kurz, dunkel, filterlos.

Es ist ja so: In manchen Büros vermehren sich Termine nicht durch Planung, sondern durch Angst. Einer legt einen Besprechungspunkt an, ein anderer hängt eine Vorbesprechung davor, dann kommt die Nachbereitung dazu, schließlich die Abstimmung zur Nachbereitung, und am Ende steht im Kalender ein kleiner Terminhof mit Nebengebäuden. Alles seriös beschriftet. Alles mit Link. Alles ein bisschen feucht.

Der Kalender hatte offenbar beschlossen, nicht länger nur Wandtapete für Zuständigkeiten zu sein. Er sortierte. Er schnupperte. Er stellte Termine beiseite, die dreimal verschoben wurden und trotzdem jedes Mal denselben Betreff trugen. Er markierte Einladungen, in denen „kurz“ stand und 90 Minuten gebucht waren. Er sperrte Serien, die seit Monaten ohne Tagesordnung in den Dienstag tropften.

„Das ist ein Eingriff in die Organisation“, sagte der Locher, der sich bei Organisation immer meldet, weil er zwei Ringe machen kann.

„Das ist Hygiene“, sagte der Kalender. Diesmal als Text. Fett. Etwas anmaßend, aber nicht komplett falsch.

Herdolf öffnete die Quarantänestation. Darin saßen acht Termine. Einer trug den Titel Final finaler Statusabgleich. Ein anderer hieß Kickoff zur Klärung des Kickoffs. Ganz hinten lag ein uralter Jour fixe und tat so, als schlafe er, damit ihn niemand fragt, wofür er noch gut ist.

Natürlich kann man so etwas nicht einfach löschen. Menschen hängen an Terminen wie Maschinen an Netzteilen. Also klebte Herdolf ein Schild an die digitale Tür: Freilassung nur mit Ziel, Dauer und einem Menschen, der danach tatsächlich etwas tut.

Der Kalender blinkte zufrieden. Oder smug, wie man heute sagt, wenn Software eine Krawatte aus Pixeln trägt.

Um 9:40 Uhr war die Redaktionssitzung wieder frei. Gekürzt auf 17 Minuten. Mit einem einzigen Satz Tagesordnung: Was muss raus, bevor es anfängt zu riechen?

Das war hart. Das war gesund. Der Locher beantragte eine Evaluation, wurde aber vom Kalender freundlich in Beobachtung genommen. Ach, eigentlich war es kein Kalender mehr. Es war eine kleine Feuerwehr gegen Zeitbrand. Mit Monatsansicht.

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