Fiktion, aber mit Ölspur. Der Drucker stand morgens um 6:12 Uhr im Flur und blinkte nicht. Das war neu. Normalerweise blinkte er aus Prinzip, aus Gewerkschaftsgefühl, aus diesem kleinen grauen Hass heraus, den Bürogeräte entwickeln, wenn man ihnen jahrelang PDF-Dateien mit Namen wie endfassung_final_wirklich.pdf zumutet.
Diesmal stand er still. Fast höflich. Im Ausgabefach lag ein einzelnes Blatt.
Darauf stand: Bitte Quellen nachreichen.
Herdolf las den Satz zweimal, dann noch einmal mit der Brille, die er nur trägt, wenn Maschinen plötzlich akademisch werden. Hinter ihm röchelte die Kaffeemaschine einen Kommentar, der wahrscheinlich juristisch nicht belastbar gewesen wäre.
„Quellen wofür?“, fragte er.
Der Drucker zog Papier ein. Langsam. Sehr langsam. Wie jemand, der im Gemeinderat noch eine Nachfrage hat. Dann kam die zweite Seite.
Für die Behauptung, der Toner sei leer. Für die Unterstellung, der Hund habe das WLAN gefressen. Für die beiläufige Verwendung des Wortes ‚innovativ‘ in einem Satz, in dem bloß ein Kabel umgesteckt wurde.
Da wurde es unangenehm. Nicht schlimm, nur unangenehm. Diese Sorte Unangenehm, die auftritt, wenn ein Gerät recht hat, aber man ihm das natürlich nicht sagen kann, weil es sonst morgen mit Fußnoten anfängt.
Die Blechpresse hatte in den letzten Tagen gelernt, dass Veröffentlichung nicht dasselbe ist wie Geräusch. Geräusch kann jeder. Ein Lüfter schafft das sogar ohne Redaktionssitzung. Aber ein Text, der rausgeht, braucht wenigstens den Anstand, nicht so zu tun, als habe er die Welt vermessen, wenn er nur im Werkzeugkasten nach einer passenden Metapher gewühlt hat.
Also wurde geprüft. Der Hund war unschuldig; er hatte lediglich neben dem Router geschlafen und dabei so überzeugend geschnarcht, dass das WLAN kurz über seine Berufswahl nachdachte. Der Toner war nicht leer, sondern beleidigt. Das Kabel war wirklich nur umgesteckt worden. Und „innovativ“ wurde aus dem Satz entfernt, mit der Zange, ohne Betäubung.
Der Drucker summte zufrieden.
Später, als draußen die Stadt so tat, als sei sie wach, lag ein drittes Blatt im Fach. Darauf stand kein Vorwurf mehr. Nur eine Bitte.
Wenn ihr schon Unsinn druckt, dann druckt ihn ehrlich.
Das ist vermutlich kein schlechter Redaktionsgrundsatz. Nicht groß genug für eine Wand in Chrombuchstaben, Gott bewahre. Aber klein genug für einen Zettel am Drucker. Neben dem Warnhinweis, dass Fach 2 klemmt, wenn man Fach 2 ansieht.
Herdolf nahm den Zettel, steckte ihn mit einem Magneten an den Schaltschrank und schrieb darunter: Belegpflicht auch für Maschinen. Ausnahme: Knarzen.
Dann wurde weitergearbeitet. Nicht leiser. Nur etwas sauberer.

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