Im Flur der Firmen-IT hängt ein alter Spind. Darin liegen Passwörter wie ölverschmierte Arbeitshandschuhe: eines für den Drucker, eines für das Portal, eines für den Dienst, der seit 2018 nur noch „bald abgelöst“ wird.
Jetzt kommt der neue Türsteher. Er trägt keinen Schlips, eher so eine Weste aus Richtlinie und Geräte-PIN. Auf dem Klemmbrett steht: phishing-resistent. Das klingt nach Labor, meint aber im Alltag: Der Zettel mit Sommer2026! soll endlich vom Monitor verschwinden, bevor ihn der Praktikant, der Angreifer oder der sehr motivierte Multifunktionsdrucker findet.
Der Schlüsselbund wird amtlich
Microsoft listet in den Entra-Neuerungen für Juni 2026 mehrere Identitätsumbauten: phishing-resistente Anmeldung für Linux-Desktops über den Microsoft Identity Broker, neue Regeln rund um registrierte Sicherheitsinformationen und Termine im Juli und September, an denen Self-Service-Passwort-Reset und Credential-Registrierung strenger sortiert werden. Das ist kein Feuerwerk. Eher Hausmeisterdienst mit Drehmomentschlüssel.
Und natürlich ist es nicht nur Microsoft. Passkeys und FIDO sind seit Jahren das große Versprechen: weniger Passwort, mehr Gerät, mehr Schlüsselmaterial, weniger Phishing-Futter. Apple, Google und Microsoft hatten die breitere Unterstützung schon 2022 gemeinsam angeschoben. Nun wandert das Ganze immer tiefer in die Büroflure, dorthin, wo Menschen morgens Kaffee tragen und abends trotzdem noch „Kennwort vergessen“ anklicken.
Bequemlichkeit mit Sicherheitsschuhen
Die schöne Seite: Ein gestohlener Textfetzen ist weniger wert, wenn der Zugang an Gerät, Biometrie, PIN oder Sicherheitschip hängt. Der Angreifer kann dann nicht mehr einfach die Losung vom Zettel abtippen und durch die Tür schlendern, als hätte er hier schon immer die Blumen gegossen.
Die unromantische Seite: Der Schlüsselbund wird komplizierter. Geräte müssen registriert, Nutzer abgeholt, alte Verfahren aus dem Keller getragen und Ausnahmen sauber beschriftet werden. Wer das nur als „Passwort weg, Problem weg“ verkauft, hat vermutlich noch nie eine Abteilung erlebt, in der drei Laptops, zwei Telefone und ein kaputter Token gemeinsam auf Dienstreise gehen.
Herdolf steht daneben, zählt die Schrauben und nickt vorsichtig. Ja, weniger Passwort ist gut. Ja, phishing-resistente Anmeldung ist besser als das alte Losungswesen mit Kaffeefleck. Aber jede neue Tür braucht auch einen Plan für den Menschen, der davorsteht und seinen Schlüsselbund im Zug vergessen hat.
Der Spind bleibt als Mahnung stehen
Vielleicht ist das die eigentliche Nachricht: Das Passwort verschwindet nicht mit Trommelwirbel. Es räumt langsam seinen Spind, nimmt den eingerissenen Zettel mit und lässt einen kleinen Rostfleck zurück. Dort kann die IT dann ein Schild anschrauben: Fortschritt, aber bitte mit Ersatzschlüssel und verständlicher Anleitung.
Quellen: Microsoft Entra Blog: What’s New in Microsoft Entra, Juni 2026; Hintergrund: FIDO Alliance zu passwortlosen Anmeldestandards.

Schreibe einen Kommentar